Die Misteltherapie in der Versorgungsforschung

Gemäß einer Definition des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) beschreibt die Versorgungsforschung die „Wirklichkeit der medizinischen Versorgung“, sie „liefert Informationen über Einsatz, Erfolg und Risiken von diagnostischen und therapeutischen Verfahren sowie Versorgungskonzepte unter Alltagsbedingungen“ und „beantwortet Fragen, die weder die biomedizinische Grundlagenforschung noch die klassische klinische Forschung beantworten können“ [89]. Die Versorgungsforschung wurde auf dem Deutschen Krebskongress als Schlüsselelement der modernen Onkologie bei der Langzeitevaluation von patient*innenbezogenen Endpunkten bezeichnet [76]. 

Ein großer Teil der vorliegenden Versorgungsforschungsstudien zur Misteltherapie analysiert klinische Daten aus dem Register des Netzwerks Onkologie, zu dem sich deutsche, auf integrative Onkologie spezialisierte Krankenhäuser und Gemeinschaftspraxen zusammengeschlossen haben. Hauptkooperationspartner dieses Netzwerks ist das Integrativmedizinisch-Anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe mit seinem von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Onkologischen Zentrum (mit Brust-, Lungen- und Darmkrebszentrum). 2016 wurde das Netzwerk Onkologie von der Deutschen Krebsgesellschaft akkreditiert [90].

Unter dem Aspekt der Versorgungsforschung werden im Register des Netzwerks Onkologie Studien evaluiert, die die Implementation von integrativen Strategien in die tägliche Versorgung und Pflege von onkologischen Patient*innen analysieren. Erfasst werden tumorrelevante Patient*innendaten sowie Informationen zu integrativ-onkologischen Therapieformen, die onkologische Standardtherapien und anthroposophische Mistelanwendungen bzw. nichtpharmakologische Anwendungen kombinieren [91, 92]. Zusätzlich werden sicherheitsrelevante Daten und Wirkungen der Mistel und Informationen zur Lebensqualität während der Diagnose sowie in der Nachsorge der Patient*innen erhoben.

Zur Misteltherapie gibt es eine Reihe von Beobachtungsstudien aus dem Register des Netzwerks Onkologie, deren Ergebnisse sich wie folgt zusammenfassen lassen:

  • Integrativmedizinische onkologische Therapien sind an zertifizierten Krebszentren implementierbar [16, 19].
  • Eine subkutane Misteltherapie ist ebenso wie die beiden off-label Anwendungsformen (intravenös und intratumoral) zusätzlich zu anderen Tumortherapien sicher in der Anwendung und weist ein mild/moderates Nebenwirkungsprofil auf [93, 94, 95, 96].
  • Bei vorbestehenden Autoimmunerkrankungen onkologischer Patient*innen wie Hashimoto Thyreoiditis, Psoriasis, Colitis ulcerosa, Graves Krankheit und Sjögren-Syndrom ist eine zusätzliche Misteltherapie möglich.
  • Mistelextrakte, die in Kombination mit monoklonalen Antikörpern [65, 67], einer zielgerichteten Therapie [67] oder PD-1 und CTLA-4 Inhibitoren gegeben werden, verstärken oder erweitern nicht das Nebenwirkungsprofil dieser Therapien. Vielmehr ist die Nebenwirkungsrate signifikant geringer: bei einer Antikörpertherapie mit zusätzlicher Misteltherapie um den Faktor 5 im Vergleich zur Antikörpertherapie ohne Mistel [65], bei der zielgerichteten Therapie in Kombination mit Misteltherapie halbiert sich die Abbruchrate und auch hier sind die Nebenwirkungsraten signifikant niedriger im Vergleich zur alleinigen zielgerichteten Therapie [67].
  • Während der letzten Jahre wurden die Daten des Netzwerks Onkologie zunehmend im Hinblick auf patientenbezogene Endpunkte gescreent und evaluiert. Die Auswertung des ,European Organization for Research and Treatment Quality of Life Fragenbogens (EORTC-QLQ-C30) zeigte Verbesserungen der emotionalen, sozialen und Rollen-Funktion nach zusätzlicher Mistelgabe bei Patientinnen mit nicht-metastasiertem Brustkrebs [97]. Zwei weitere Studien ergaben – ebenfalls bei Patientinnen mit nichtmetastasiertem Brustkrebs – nachhaltige Durchwärmungseffekte für die zusätzliche Misteltherapie [98, 99]. 
  • In zwei Versorgungsforschungsstudien des Netzwerks Onkologie ließ sich ein verlängertes Überleben bei onkologischen Patient*innen feststellen, wenn sie zusätzlich zum leitlinienorientierten Standard eine Misteltherapie erhielten [100, 101]. Das betraf zum einen Patient*innen mit metastasiertem nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) [100], zum anderen Patient*innen mit fortgeschrittenem, metastasiertem Pankreaskarzinom [101] (siehe auch klinische Studien). Bereits vorher hatte sich in einer Versorgungsforschungsstudie des Registers des Netzwerks Onkologie am Beispiel einer Klinik mit anthroposophischem Konzept (Öschelbronn) gezeigt, dass das mediane Überleben bei Patient*innen mit einem Pankreaskarzinom Stadium III/IV, von denen 91 Prozent eine Misteltherapie erhalten hatten, mit 12,4 Monaten deutlich verlängert war im Vergleich zu bisher publizierten Studienergebnissen (6 bis 9 Monate) [102]. 

In einer multizentrischen pharmako-epidemiologischen Kohortenstudie wird darauf hingewiesen, dass die Anwendung von Mistelextrakt (Iscador® Qu) bei kolorektalem Karzinom die Nebenwirkung der Standardtherapie (Chemo-/Radiotherapie) verringert, krebsassoziierte Beschwerden lindert und ein Potential für die Verbesserung des metastasenfreien Überlebens aufweist [103].

In einer multizentrischen Kohortenstudie konnte erstmalig aufgezeigt werden, dass die supportive Misteltherapie (Iscador® Qu), die zusätzlich zur Chemo- oder Chemo-/Radiotherapie verabreicht wurde, maßgeblich zur Verbesserung des Fatigue-Syndroms bei Patient*innen mit nicht-metastasiertem  Kolorektalkarzinom beigetragen hat [104].

Eine multizentrische pharmako-epidemiologische Studie bei Patient*innen mit Pankreaskarzinom (n=396) zeigte, dass eine zusätzliche Misteltherapie (Iscador®) ergänzend zur Chemotherapie (hauptsächlich mit Gemcitabin) oder im Rahmen von Best Supportive Care geeignet ist, um die tumorassoziierten Symptome zu verringern und das Leben zu verlängern [45].

Eine zusätzliche Misteltherapie ist auch bei nichtmetastasiertem Brustkrebs sinnvoll, wenn es darum geht, z. B. Tumorschmerz und andere tumorassoziierte Symptome langfristig (über ca. fünf Jahre) abzuschwächen, mit der konventionellen Behandlung verbundene Beschwerden wie krankheitsassoziierte Fatigue zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern [33].

Im Rahmen einer Anwendungsbeobachtungsstudie bei Patient*innen mit lymphozytischem Non-Hodgkin-Lymphom (CLL) wurde deutlich, dass Mistelextrakte (Helixor® A) auch hier sicher angewendet werden können [105] und sowohl die Lebensqualität als auch die Immunkompetenz verbessern [106].

In einer qualitativen Studie wurden 35 auf integrativmedizinisch-anthroposophische Therapien spezialisierte Ärzt*innen zu ihren Erfahrungen mit der Misteltherapie bei onkologischen Patient*innen befragt. Es zeigte sich, dass die Misteltherapie dazu beiträgt, 

  • die Erkrankung zu stabilisieren
  • das Allgemeinbefinden zu bessern
  • Vitalität und Kraft zu stärken 
  • Atemnot und Kachexie zu verringern 
  • das Wärmeempfinden sowie Appetit und Schlaf zu verbessern 
  • die Schmerzen infolge von Knochenmetastasen zu verringern 
  • die krankheitsassoziierte Fatigue-Symptomatik sowie die Chemotherapie-bedingten Nebenwirkungen deutlich zu reduzieren [79]. 

 

Letzte Aktualisierung: 4. September 2019/AB

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