Die Mistel bei hämatologischen Neoplasien

Hämatologische Neoplasien wie Leukämien, maligne Lymphome oder myeloproliferative Erkrankungen fallen nicht in das zugelassene Indikationsgebiet der Misteltherapie. Da aber gerade bei Lymphomen sehr gute Erfahrungen mit der Misteltherapie gemacht wurden, soll die Therapie hier näher beschrieben werden. 

Lymphom-Patient*innen wird häufig von einer Misteltherapie abgeraten unter der Vorstellung, die bekannte Stimulation der Immunantwort durch Mistelpräparate würde auch zu einer Stimulation der vom Immunsystem sich ableitenden Lymphomzellen führen. Demgegenüber ergaben sich in mehreren retrospektiven Analysen Hinweise auf eine signifikante Lebensverlängerung durch eine Misteltherapie. Weiterhin wurden wiederholt komplette/inkomplette Remissionen beschrieben mit Progress im Auslassversuch und erneuter Remission nach Reexposition.

Dies steht im Einklang mit den heutigen Erkenntnissen der Tumorimmunologie, dass der immunologische Status der Tumormikroumgebung maßgeblich am Tumorverlauf bei Lymphomen beteiligt ist.

Mit dem erfolgreichen Einsatz von Checkpoint-Inhibitoren auch bei Lymphomen, z. B. bei M. Hodgkin, hat diese Erkenntnis bereits Einzug in die klinische Praxis gehalten. Vor diesem Hintergrund sind selbst die theoretischen Vorbehalte gegenüber dem Einsatz der Misteltherapie bei Lymphomen nicht haltbar. Zu beachten ist hierbei aber, dass es sich um eine off label Anwendung handelt.

Zur Misteltherapie beim Lymphom liegen auch Fallberichte vor. 

 

Letzte Aktualisierung: 4. September 2019/AB

Die Mistel beim Non-Hodgkin Lymphom

Wirksamkeit und Risikoeinschätzung einer subkutanen Misteltherapie im Rahmen einer retrospektiven Fallkontrollstudie

Kuehn 2007, 2009 [137, 167]
Dabei handelt es sich zwei Veröffentlichungen einer Studie, die unter verschiedenen Aspekten in unterschiedlichen wissenschaftlichen Journalen publiziert wurde.

Patient*innen und Methodik

191 Patient*innen mit Non-Hodgkin-Lymphom (NHL), davon 61 mit follikulärem und 130 mit nicht-follikulärem NHL, wurden an der ehemaligen Lukas Klinik (jetzt Klinik Arlesheim, Schweiz) in ein Behandlungskonzept mit Viscum album Pini (Iscador® P) aufgenommen und bis acht Jahre nachbeobachtet. Die Verteilung auf die verschiedenen Lymphom-Klassifikationen der B- und T-Zell NHL in der Klinik entsprach dabei der weltweiten Verteilung: An erster Stelle stand das diffus großzellige NHL, an zweiter Stelle das follikuläre NHL. 

Die Patient*innen wurden in drei Behandlungsgruppen eingeteilt: Gruppe A erhielt eine Monotherapie mit dem Mistelextrakt ohne chemotherapeutische Vorbehandlung, da bei diesen Patient*innen noch keine Behandlungsindikation gesehen wurde (wait and watch) oder die indizierte Chemotherapie noch nicht eingeleitet wurde. Gruppe B erhielt eine Monotherapie mit dem Mistelextrakt nach abgeschlossener chemotherapeutischer Vorbehandlung, Gruppe C eine kombinierte, simultane Behandlung mit Mistelextrakt und Chemotherapie. 

Die Misteltherapie war dabei für alle Patient*innen identisch: In der Einleitungsphase erfolgten dreimal wöchentlich subkutane Injektionen mit 0,01 bis 1 mg Iscador® P und eine anschließende Erhaltungstherapie mit einer Dosis von 1 bis 20 mg, die ebenfalls dreimal wöchentlich verabreicht wurde. Bei Progredienz wurden auch höhere Dosen angewendet (Maximaldosis bis 60 mg). Als Injektionsort wurde die Bauchhaut gewählt, andere Zusatzbehandlungen kamen nicht zum Einsatz.

Ergebnisse

In Gruppe A konnten partielle und komplette Remissionen beobachtet werden. In Gruppe B fanden sich Patient*innen mit einer unterschiedlich langen progressionsfreien Zeit (bis 95 Monate), einzelne Patient*innen erlebten unter der Misteltherapie Übergänge von einer partiellen in eine komplette Remission. Gruppe C wurde in dieser Untersuchung nicht ausgewertet, da hier nur die Wirkung einer Monotherapie mit Mistelextrakten aufgezeigt werden sollte.

Die lokale und systemische Verträglichkeit des Mistelextraktes war ausnahmslos gut, und nur zwei Patient*innen konnten nicht bis 20 mg „aufdosiert“ werden, da bereits bei 1 mg bzw. 10 mg eine verstärkte Lokalreaktion auftrat. Systemische Nebenwirkungen wie Temperaturerhöhungen, allergische Reaktionen und Allgemeinreaktionen wurden nicht beobachtet, die Infektanfälligkeit war in der Mistelgruppe deutlich reduziert. 

Die Überlebenskurven der mit Mistel behandelten Patient*innen zeigten beim Vergleich mit der nicht behandelten Kontrollgruppe sowohl bei den follikulären als auch bei den nicht-follikulären NHL keinen gesicherten Unterschied, es ließ sich jedoch ein Trend zu einem kürzeren Überleben bei den nicht mit Mistel behandelten Patient*innen feststellen. 

Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zeigen auch, dass eine klinisch belegbare Stimulation des Lymphomwachstums in Folge einer Behandlung mit Mistelextrakten nicht nur sehr unwahrscheinlich ist, sondern dass im Gegenteil partielle und komplette Remissionen durch diese Therapie ausgelöst werden können. Auch bei Einzelfällen einer Langzeit-Misteltherapie über Jahrzehnte zeigte sich kein progressionsfördernder Effekt. Somit kann die Misteltherapie bei Lymphompatient*innen als sicher und ohne Schadensrisiko eingestuft werden.

Sie eignet sich besonders für Patient*innen mit low grade Lymphomen in einer wait and watch-Phase und für Patient*innen mit aggressiven Lymphomen, die eine Chemotherapie ablehnen oder bei denen eine relative oder absolute Kontraindikation dafür besteht.

Fazit

Die hier vorgestellte retrospektive Analyse von Patient*innen mit follikulärem und nicht-follikulärem NHL zeigt, dass Teil- und Komplettremission unter einer Mistelmonotherapie ausgelöst und Remissionserhaltungen unter dieser Behandlung über Jahre hinweg beobachtet werden können. Diese Ergebnisse belegen, dass durch die Behandlung mit Mistelextrakten beim NHL keinerlei klinisch erfassbares Risikopotential besteht.

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