Neues systematisches Review und Metaanalyse bestätigen Reduktion der tumorbedingten Fatigue durch Mistelextrakte

Die tumorbedingte Fatigue (cancer-related fatigue, CRF) entwickelt sich als Folge einer Krebserkrankung oder der Krebstherapie, ist durch Müdigkeit oder Erschöpfung (die nicht im Verhältnis zur bisherigen körperlichen Aktivität steht) gekennzeichnet und stellt eines der stärksten belastenden Symptome bei Krebspatient*innen dar. Müdigkeit und Erschöpfung lassen auch bei ausreichendem Schlaf nicht nach und können das Leben stark beeinträchtigen. Die Erstlinientherapie umfasst körperliche Aktivität und psychosoziale Interventionen. Gemäß der S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin bei onkologischen Patient*innen werden körperliche Aktivität und Sport, Tai Chi und Qigong sowie Yoga als nicht-pharmakologische Interventionen empfohlen. Sport und körperliche Aktivitäten sind für onkologische Patienten, z. B. für kachektische Patienten, nicht immer zu bewältigen. Derzeit ist Methylphenidat die einzige pharmakologische Behandlung, die nachweislich zur Verbesserung der CRF beiträgt, allerdings scheint der Konsens über die Empfehlung dieser Substanz gegen tumorbedingte Müdigkeit unklar zu sein. Daher werden weitere pharmakologische und nicht-pharmakologische Lösungen benötigt. Obwohl in einer Vielzahl von Studien positive Effekte von Mistelextrakten (Viscum album L) bei der Behandlung der tumorbedingten Fatigue dokumentiert wurden, wurden bisher in keiner Metaanalyse ihre Ergebnisse in Bezug auf klinische Studien, einschließlich nicht-randomisierter Interventionsstudien und aller Arten von CRF-Fragebögen, analysiert.

Kürzlich (März 2022) wurde in der Zeitschrift „Supportive Care in Cancer“ eine systematische Übersichtsarbeit über die Wirkung der Misteltherapie auf die tumorbedingte Fatigue von Florian Pelzer, Martin Loef, David D. Martin und Stephan Baumgartner veröffentlicht [314] . Es wurden zwei Metaanalysen mit zufälligen Effekten (eine mit 12 randomisierten kontrollierten Studien und eine mit 7 nicht-randomisierten Interventionsstudien) durchgeführt. Die analysierten Effektgrößen waren moderat (randomisiert: SMD=-0,48, p=0,006) und moderat bis groß (nicht-randomisiert: OR=0,36, p=0,0008). Die durchgeführten Sensitivitätsanalysen ergaben solide Ergebnisse, aber eine große Heterogenität zwischen den Studien, die möglicherweise auf Unterschiede in der Studienpopulation und -methodik zurückzuführen ist. Die Analysen zeigen auch, dass das Risiko einer Verzerrung bei 11 von 12 randomisierten Studien hoch und bei allen nicht-randomisierten Studien erheblich war (Confounding-Risiko).  

Trotz eines Verzerrungsrisikos in den herangezogenen Studien weisen die Ergebnisse der systematischen Übersichtsarbeit und der Metaanalysen daraufhin, dass eine Misteltherapie im Vergleich zur Kontrollgruppe die tumorbedingte Fatigue statistisch signifikant reduzieren kann. Da die gepoolte Effektschätzung in der systematischen Übersichtsarbeit mit anderen Interventionen gegen tumorbedingte Fatigue vergleichbar war, wird die Misteltherapie als alternative Behandlung oder als Ergänzung zu körperlicher Aktivität in prospektiven multimodalen Therapiekonzepten empfohlen, insbesondere wenn eine pharmakologische Behandlung erforderlich ist.

 

Letzte Aktualisierung: 08. April 2022/AT1

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