Piao, et al. 2004 [1]

Studienbeschreibung

Eine randomisierte, multizentrische, GCP-konforme Studie zum Einfluss der Misteltherapie auf die Lebensqualität unter Chemotherapie bei Patienten mit Mamma-Ca., nicht-kleinzelligem Bronchial-Ca. (NSCLC) oder Ovarial-Ca. wurde in drei onkologischen Krankenhäusern in China (Bejing, Shenyang, Tianjin) durchgeführt. Alle Patienten bekamen eine konventionelle Chemotherapie (Mamma-Ca.: CAP oder CAF; Ovarial-Ca: CP oder IcP; NSCLC: VP oder MviP). Begleitend wurden die Patienten entweder mit Misteltherapie behandelt (Helixor A, 3/Woche subkutan, mit eskalierender Dosierung von 1 mg bis maximal 200 mg) oder mit dem Phytopharmakon Lentinan (i.m., 4 mg/Injektion, täglich), einem Polysaccharid aus Pilzen mit nachgewiesener Immunstimulation und Tumorwirksamkeit, das in China und Japan etabliert ist. Die Patienten wurden blockweise (nach Zentrum und Tumorart) in die beiden Therapiearme randomisiert. Vor Beginn und am Ende der Therapie wurde die Lebensqualität der Patienten untersucht mit folgenden Parametern: FLIC: Functional Living Index-Cancer; TCM: Traditional Chinese Medicine Index (betrifft Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Insomnie, Appetitlosigkeit); KPI: Karnofsky Performance Index, außerdem Nebenwirkungen der Mistel-, Lentinan- und Chemotherapie.
233 Patienten mit allen Tumorstadien (117x kein messbarer Tumor, 116x messbarer Tumor und/oder Metastasen) wurden in den 3 Zentren aufgenommen. Die Patienten der beiden Therapiearme waren vergleichbar hinsichtlich Geschlecht, Alter, Tumorart und Tumorstadium und (wozu aber keine Daten publiziert wurden) hinsichtlich konventioneller Therapien. 223 Patienten konnten ausgewertet werden, von 9 Patienten lagen keine Verlaufsbefunde vor. Die Behandlungsdauer mit Helixor bzw. Lentinan betrug meist 6 Wochen (1-12 Wochen).

Ergebnisse

Die Verbesserung der Lebensqualität unter Misteltherapie war signifikant stärker ausgeprägt als die unter der Kontrolltherapie Lentinan, und es traten unter Misteltherapie signifikant weniger Chemotherapie-bedingte Nebenwirkungen auf. Im Detail verbesserte sich der Karnofsky-Index bei 50,4% der Mistelpatienten und bei 32,4% der Lentinan-Patienten, der Unterschied war statistisch signifikant (p=0,002); bei 3,5 bzw. 11,1% der Patienten verschlechterte er sich. Der TCM-Index verbesserte sich im Durchschnitt in der Mistelgruppe um 1,3, in der Kontrollgruppe um 0,2. Der Unterschied war ebenfalls statistisch signifikant (p=0,0007). Größere Verbesserungen zeigten sich insbesondere in Bezug auf Müdigkeit, Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit. Der FLIC-Score (untersucht mit 22 Fragen das körperliche, psychische und soziale Wohlbefinden, Übelkeit und Schmerzen) zeigte eine globale Verbesserung um durchschnittlich 9,0 Punkte in der Verumgruppe und um 4,7 Punkte in der Kontrollgruppe; der Unterschied war statisch signifikant (p=0,014). Besonders Übelkeit und Schmerzen zeigten unter Misteltherapie eine deutliche Verbesserung. Ein Korrekturverfahren für multiple Outcomes ist nicht beschrieben.

Die unerwünschten Ereignisse betrugen 52 in der Mistelgruppe und 90 in der Lentinangruppe, davon waren 28 bzw. 77 Chemotherapie-bedingt und 5 bzw. 10 schwer. Unter Misteltherapie kam es zu Angioödem und Urtikaria, die nach Unterbrechung der Therapie reversibel waren. Die übrigen Mistel-Nebenwirkungen waren leicht (4x Fieber, 7x Rötung, Juckreiz an der Injektionsstelle).

Resümee und Kommentar

Diese Studie ergab eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität und der Chemotherapie-bedingten Nebenwirkungen unter Misteltherapie. Die Studie wurde entsprechend moderner Anforderungen durchgeführt, sie wurde randomisiert, die Gruppen waren vergleichbar, die Dropout-Rate war gering (da die Patienten nur kurz in onkologischer Behandlung waren). Die Studie war nicht verblindet, allerdings ist eine Verblindung der Misteltherapie ohnehin nur pro forma möglich; ein guter Ausweg ist die hier gewählte Behandlung der Kontrollgruppe mit einer wirksamen und beliebten Therapie, gewissermaßen einem Superplacebo. Sofern Placeboeffekte tatsächlich auftreten sollten, müssten sie auch unter Lentinan vorkommen; dasselbe gilt für einen eventuellen Beobachtungsbias. Eine längere Beobachtungszeit mit Erfassung der Überlebenszeit wäre zwar wünschenswert gewesen, jedoch hätte die Studie dann eine gänzlich andere Logistik benötigt und eine erhebliche Dropout-Rate in Kauf nehmen müssen, da die Patienten nach der onkologischen Fachtherapie das jeweilige Therapiezentrum verließen, in ihre Heimat zurückkehrten und dort hätten nachverfolgt werden müssen. Doch auch die in dieser Studie recht zuverlässig untersuchten Daten sind klinisch relevant. Die komplexe Studie ist gut beschrieben, und nur wenig zusätzliche Information wäre noch wünschenswert gewesen.

Cyclophosphamid (C), Adriamycin (A), Cisplatin (P), 5-Fluorouracil (F), Vinorelbine (V), Mitomycin (M), Ifosfamid (I), Vindesine (Vi), Carboplatin (cP).

Dr. med. Gunver S. Kienle
September 2005

Literaturverzeichnis

[1] Piao, B. K., Y. X. Wang, G. R. Xie, U. Mansmann, H. Matthes, J. Beuth and H. S. Lin, Impact of complementary mistletoe extract treatment on quality of life in breast, ovarian and non-small cell lung cancer patients. A prospective randomized controlled clinical trial. Anticancer Res 24, 303-309 (2004).