Therapien der Anthroposophischen Medizin

(Aktualisierter Auszug aus [11, 12])

In der Anthroposophischen Medizin werden außer den diagnostischen und therapeutischen Verfahren der Schulmedizin zusätzlich spezielle anthroposophische Arzneimittel wie auch spezielle anthroposophische nicht-ärztliche Therapieverfahren angewendet, u. a. Heileurythmie, Rhythmische Massage, Anthroposophische Kunsttherapie, ferner Beratungen zu Ernährung und Diät sowie zu biographischer Situation, Lebensführung und sozialer Hygiene. Hinzu kommt eine eigene anthroposophische Krankenpflege.

Arzneimittel

Es werden pflanzliche, mineralische und tierische Substanzen verwendet, nach spezifischen Gesichtspunkten hergestellt und zum Teil potenziert. Das Herstellungsverfahren ist in der Deutschen Homöopathischen Pharmakopoe und im Anthroposophic Pharmaceutical Codex niedergelegt (HAB). Die Substanzen werden oral, rektal, parenteral (intrakutan, subkutan, intravenös) und äußerlich auf die Haut appliziert. Für die Herstellung der speziellen anthroposophischen Medikamente gibt es verschiedene pharmazeutische Unternehmen (z.B. Weleda, Wala, Helixor, Abnoba, Novipharm). In der therapeutischen Alltagspraxis der Anthroposophischen Medizin werden auch homöopathische und phytotherapeutische Präparate verwendet.

Äußere Anwendungen

Äußere Anwendungen - Einreibungen, Auflagen, Wickel und Bäder - als Elemente der Pflege und Therapie sollen Lebensprozesse im Organismus anregen oder verstärken. Verwendet werden dafür ätherische oder fette Öle, Essenzen, Tinkturen und Salben, bei Bädern auch CO2, Abreibungen, Bewegungen. Besondere Bedeutung kommt der rhythmischen Massage (s.u.) zu.

Pflege

Die Krankenpflege folgt dem Leitbild, den Patienten in seiner Ganzheit kennenzulernen, ihn in seinem leiblichen, seelischen und geistigen Wesen wahrzunehmen: Ausgeübt wird eine Bezugspflege, die eine persönliche, begleitende und vermittelnde Beziehung zu dem Patienten anstrebt. Angegliedert an anthroposophische Krankenhäuser (Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, Filderklinik) gibt es zwei staatlich anerkannte Ausbildungsinstitute zur 3-jährigen Gesundheits- und Krankenpflege mit erweitertem anthroposophischem Ausbildungskonzept. Weiterhin gibt es Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten an verschiedenen Institutionen.

Anthroposophische Kunsttherapien

Die Anthroposophischen Kunsttherapien wurden vor allem von Dr. med. Margarethe Hauschka entwickelt [9], die 1962 auch die erste Ausbildungsstätte für diese Therapieform gründete [15]. Die Therapien umfassen im Einzelnen:

Plastisches Gestalten: Als Materialien dienen Stein, Speckstein, Holz, Tonerde, Bienenwachs, Plastillin und Sand.

Therapeutisches Zeichnen und Malen: Instrumente sind Pinsel und Farbe, Kreide, Stifte und Papier.

Musiktherapie: Eingesetzt werden Schlaginstrumente wie Glockenspiel, Xylophon, Zimbeln, Klanghölzer, Trommel und Pauke, verschiedene Blasinstrumente wie Flöte, Krummhorn, Schalmei, Trompete und Alphorn, Streichinstrumente wie Chrotta (vereinfachtes Cello), Geige, Bratsche und Kontrabass, Zupfinstrumente wie Harfe, Leier und Kantele. Gemeinsam mit dem Therapeuten werden Melodien, Klänge und Rhythmen improvisiert oder auch nur gehört. Die Auswahl der Instrumente erfolgt nach der individuellen Situation des Patienten, nach dem Schweregrad und dem Stadium der Erkrankung.

Sprachgestaltung: Zur Anwendung kommen Lautbildung, Konsonanten, Vokale, Textrhythmen, Hexameter. Die Atmung spielt beim Sprechen eine besondere Rolle (Sprache ist gestaltete Ausatmung). Die Indikationen zur Sprachgestaltung liegen nicht nur bei der Behandlung von Sprach- und Sprechstörungen, sondern auch bei der Behandlung internistisch-allgemeinärztlicher Erkrankungen, sowie im psychosomatischen, psychiatrischen und heilpädagogischen Bereich.

Die Kunsttherapie wird als Einzeltherapie, als Einzeltherapie in kleinen Gruppen oder als Gruppentherapie durchgeführt. Die Patienten lernen, das jeweilige künstlerische Medium spezifisch zu erarbeiten. Vor der ersten Behandlung findet eine spezielle Sitzung zur kunsttherapeutischen Anamneseerhebung und Diagnostik statt. Jede darauf folgende Therapiesitzung dauert gewöhnlich 50 Minuten und findet in der Regel einmal wöchentlich statt.

Die Wirkungsweise der Anthroposophischen Kunsttherapien wurde mehrfach dargestellt, sowohl aus anthroposophischer [4, 6, 7, 9, 14, 16, 17, 20] wie auch aus anthropologisch-phänomenologischer [19] Sicht. Es wurden regulative, expressive und kommunikative Elemente beschrieben.

Die Zertifizierung zum Anthroposophischen Kunsttherapeuten setzt eine 4jährige Hochschulausbildung und 2 Jahre berufspraktische Erfahrungszeit unter Mentorenschaft gemäß voraus.

Heileurythmie

Die Heileurythmie wurde konzeptionell und praktisch aus der Bewegungskunst der Eurythmie entwickelt [13, 18]. Die Heileurythmie ist eine aktive Bewegungstherapie und versteht sich als einem Arzneimittel vergleichbares Bewegungs-Heilmittel. Sie setzt Sprache, Gebärden und Musik ein, die in eine speziell gestaltete Bewegung umgesetzt werden. Jedem Konsonanten und Vokal entsprechen dabei eigene Bewegungen. Heileurythmische Übungen werden mit dem ganzen Körper sowie mit Armen und Händen, Beinen und Füßen ausgeführt und gegebenenfalls durch Schritte und Sprünge ergänzt. Die Bewegungsabläufe werden dabei dem Zustand des Patienten angepasst: Heileurythmie ist auch im Sitzen oder Liegen möglich, sogar mit schwerstkranken, querschnittsgelähmten oder intensivmedizinisch behandelten Patienten.

Heileurythmie wird in Einzelbehandlungen mit einem speziell dazu ausgebildeten Therapeuten (‚Heileurythmist‘) ausgeführt, der die Patienten zu spezifischen therapeutischen Körperbewegungen anleitet. Der Patient übt diese Bewegungen unter Anleitung des Heileurythmisten, sodann auch in den Tagen zwischen den Therapiestunden. Eine Behandlung dauert normalerweise 45 Minuten einschließlich Nachruhe. Ein Therapiezyklus umfasst meistens 12 Behandlungen, bei schweren chronischen Krankheiten werden über mindestens ein Jahr mehrere Therapiezyklen eingesetzt [2].

Die Ausbildung zum Heileurythmisten dauert 6 bis 7 Jahre (Eurythmiestudium: 4 bis 5 Jahre, Praktikum, Heileurythmieausbildung: 1½ bis 2 Jahre).

Rhythmische Massage nach Dr. Ita Wegman

Die Rhythmische Massage nach Dr. Ita Wegman ist eine eigenständige Massageform der Anthroposophischen Medizin [8]. Die fünf Grundgriffe der klassischen Massage (Effleurage, Petrissage, Friktion, Tapotement, Vibration) werden in der Rhythmischen Massage durch an- und abschwellende, kreisende und lemniskatische Bewegungen und von der Tiefe zur Peripherie hin lösende Spezialgriffe ergänzt [5]. Die Massagegriffe werden rhythmisch [1], u. a. in Lemniskaten durchgeführt. Die Rhythmische Massage wird als Einzeltherapie – in der Regel ein- bis zweimal wöchentlich – in Einheiten von 30-60 Minuten durchgeführt, mit einer zusätzlichen Nachruhe von 30 Minuten [10]. Ein Therapiezyklus besteht aus 8-12 Behandlungen. Spezielle Massageöle dienen nicht nur als Gleitmittel, sondern zugleich als Heilmittel.

Staatlich diplomierte Masseure, Krankengymnasten und Physiotherapeuten können sich zum Rhythmischen Masseur qualifizieren; die Weiterbildung erstreckt sich blockweise über 1½ bis 3 Jahre [3].

Dr. med. Gunver S. Kienle
Letzte Aktualisierung.
August 2010

Literaturverzeichnis

[1] Kurzbeschreibung Rhythmische Massage nach Dr. med. Ita Wegman. 1997. Boll, Berufsverband für Rhythmische Massage nach Dr. med. Ita Wegman e. V.

[2] Heileurythmie als Behandlungsmethode der Anthroposophischen Medizin. 1998. Filderstadt, Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V., Berufsverband Heileurythmie e.V.

[3] Jahresprogramm. 1998. Boll, Margarethe Hauschka-Schule.

[4] Denjean-von Stryk, B. and D. von Bonin, Therapeutische Sprachgestaltung, pp. 1-162, Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus, Stuttgart 2000.

[5] Eckhart, A., Werkstattbericht zum Thema Anthroposophische Physiotherapie. Die Rhythmische Massage nach Dr. Ita Wegman im Zusammenhang mit der durch Anthroposophie erweiterten Medizin und Therapie, pp. 1-34, Klinik Öschelbronn, Niefern-Öschelbronn 1995.

[6] Felber, R., S. Reinhold and A. Stückert, Musiktherapie und Gesang, pp. 1-211, Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus, Stuttgart 2000.

[7] Golombek, E., Plastisch-Therapeutisches Gestalten, pp. 1-129, Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus, Stuttgart 2000.

[8] Hauschka, M., Rhythmische Massage nach Dr. Ita Wegman. Menschenkundliche Grundlagen, pp. 1-200, Schule für Künstlerische Therapie und Massage, Boll über Göppingen 1978.

[9] Hauschka, M., Zur Künstlerischen Therapie. Band II. Wesen und Aufgabe der Maltherapie, pp. 1-99, Schule für Künstlerische Therapie und Massage, Boll über Göppingen 1991.

[10] Isenmann, H., Rhythmische Massage nach Dr. med. Ita Wegman. Eine neue und zeitgemäße Massageform mit ganzheitlichem Ansatz, pp. 1-31, Verein für Anthroposophisches Heilwesen e. V., Bad Liebenzell 1996.

[11] Kienle, G. S., Kiene, H. and Albonico, H. U. Health Technology Assessment Bericht Anthroposophische Medizin. Erstellt im Rahmen des Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK) des Schweizer Bundesamtes für Sozialversicherung. 2005.

[12] Kienle, G. S., H. Kiene and H. U. Albonico, Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung. Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit. Schattauer Verlag, Stuttgart, New York 2006.

[13] Kirchner-Bockholt, M., Grundelemente der Heileurythmie, pp. 1-213, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornach 1981.

[14] Lorenz-Poschmann, A., Therapie durch Sprachgestaltung, pp. 1-131, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornach 1981.

[15] Mees-Christeller, E., Kunsttherapie in der Praxis, pp. 1-96, Verlag Urachhaus, Stuttgart 1995.

[16] Mees-Christeller, E., I. Denzinger, M. Altmaier, H. Künstner, H. Umfrid, E. Frieling and S. Auer, Therapeutisches Zeichnen und Malen, pp. 1-460, Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus, Stuttgart 2000.

[17] Ruland, H., Musik als erlebte Menschenkunde, pp. 1-100, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart - New York 1990.

[18] Steiner, R., Heileurythmie. GA 315, pp. 1-124, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1966.

[19] Treichler, M., Mensch - Kunst - Therapie. Anthropologische, medizinische und therapeutische Grundlagen der Kunsttherapien, pp. 1-160, Verlag Urachhaus, Stuttgart 1996.

[20] von der Heide, P., Therapie mit geistig-seelischen Mitteln. Kunsttherapie, Psychotherapie, Psychosomatik, pp. 1-394, Verlag am Goetheanum, Dornach 1997.