Grundlegende Perspektiven
Anthroposophischer Medizin

(Aktualisierter Auszug aus [5, 6])

Die Anthroposophische Medizin wurde begründet durch Dr. phil. Rudolf Steiner und Dr. med. Ita Wegman. Im Rahmen der Begründung der Anthroposophie als Geisteswissenschaft und dem sich dabei ergebenden Verständnis von Mensch und Natur setzte sich Steiner sehr frühzeitig mit den Grundfragen von Krankheit und Gesundheit und mit der Bedeutung des Krankseins für die generelle und individuelle menschliche Evolution auseinander. Er untersuchte, inwiefern Krankheit aus einem abnormen Zusammenwirken des Seelisch-Geistigen mit dem Leiblich-Lebendigen entstehen kann [8, 9]. Ein Organismusbegriff, der das Zusammenwirken eines Physisch-Lebendigen mit einem realen Seelisch-Geistigen beinhaltet, erfordert allerdings einen anderen Substanzbegriff, als ihn Physik und Chemie gegenwärtig bieten. Der betreffende Substanzbegriff geht davon aus, dass die chemische Struktur nur eine Ebene darstellt und dass bei der Aufnahme in den Organismus gewissermaßen in einer anderen Dimension eine Verarbeitung erfolgt, die eine Fremdsubstanz zur körpereigenen Substanz umgestaltet, d.h. die Substanz verlebendigt und durchseelt. [4]

Aufbauend auf der Erkenntnis der hierarchisch geordneten Klassen von Gestalt- und Konstitutions-bildenden Kräften und Prinzipien (siehe Anthroposophie als Geisteswissenschaft) wird das außermenschliche Naturreich in einer konkreten Beziehung zur menschlichen Organisation gesehen, und zwar in der Weise, dass es im Laufe der Evolution gewissermaßen aus der Menschheit herausgesetzt wurde, aber trotz der Verfremdung die Grundbeziehungen beibehalten hat. Auf dieser Beziehung beruhe die Tatsache, dass es in der Natur Arzneimittel gibt, die wie Schlüssel zum Schlüsselloch passen, und dass solche Beziehungen von allen Kulturen schon in frühesten Zeiten der Menschheit entdeckt wurden. Diese entwicklungsgeschichtliche Beziehung ergebe die Möglichkeit einer rationalen Therapie auf der Basis der Erkenntnis des inneren Zusammenhangs eines Naturprozesses mit bestimmten Vorgängen in der menschlichen Organisation.

Leitmotive der anthroposophischen Medizin sind Selbstbestimmung und Würde des Patienten, Autonomie und Hilfe zur Selbsthilfe. Die Anregung selbstheilender – salutogenetischer, hygiogenetischer – Prozesse wird intendiert, die Eigenverantwortung angesprochen. Hygiogenese [3] ist die Erzeugung einer Kohärenz der vegetativen Regulationsprozesse, Salutogenese [1] das entsprechende im Bereich der psychischen (Selbst )Regulationsprozesse. [2] Insofern bedeutet Therapie im anthroposophischen Sinne nicht nur eine „restitutio ad integrum“, sondern eine innere Stärkung von Organismus und Individualität. [4] Dieser Zielsetzung entsprechen anthroposophische Arzneimittel eher als die der herkömmlichen naturwissenschaftlichen Medizin, die im Allgemeinen keine hygiogenetisch-salutogenetischen Prozesse anstoßen oder verstärken, sondern meist der Eliminierung oder Blockierung pathologischer Prozesse dienen, auch unter Inkaufnahme einer Verschlechterung organismischer Leistungen. Diese unterschiedliche Ansatzweise – hygio-/salutogenetische vs. pathogenetische Orientierung [7] – mag zur Folge haben (was sich auch in manchen der klinischen Studien zeigt), dass die Besserung zumal bei chronischen Erkrankungen unter anthroposophischer Medizin oft erst verzögert eintritt, aber länger anhält und auch nach Beendigung der Therapie sich fortsetzt, und dass die Medikamente andererseits weniger Nebenwirkungen aufweisen.

Dr. med. Gunver S. Kienle
Letzte Aktualisierung:
August 2010

Literaturverzeichnis

[1] Antonovsky, A., Salutogenese, p. 1-224, Dgvt Verlag, Tübingen 1997.

[2] Gutenbrunner, Ch., Hygiogenese und Salutogenese - Versuch einer (notwendigen) Begriffsdifferenzierung. In Tycho De Brahe Jahrbuch für Goetheanismus. (Ed. T. Göbel, Ch. Gutenbrunner, C. Heckmann, J. Kühl and H. J. Strüh) Tycho De Brahe Verlag, Niefern-Öschelbronn 2003.

[3] Heusser, P. H., Akademische Forschung in der Anthroposophischen Medizin. Beispiel Hygiogenese: Natur- und geisteswissenschaftliche Zugänge zur Selbstheilungskraft des Menschen, pp. 1-375, Peter Lang AG, Bern 1999.

[4] Kienle, G., Anthroposophische Medizin. In Wörterbuch medizinischer Grundbegriffe. (Ed. E. Seidler) pp. 33-39, Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 1979.

[5] Kienle, G. S., Kiene, H. and Albonico, H. U. Health Technology Assessment Bericht Anthroposophische Medizin. Erstellt im Rahmen des Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK) des Schweizer Bundesamtes für Sozialversicherung. 2005.

[6] Kienle, G. S., H. Kiene and H. U. Albonico, Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung. Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit. Schattauer Verlag, Stuttgart, New York 2006.

[7] Matthiessen, P. F. Grundprinzipien einer salutogenetischen Medizin. Hauptstadtkongress 2002.

[8] Steiner, R., Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt. (1914), pp. 1-696, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1985.

[9] Steiner, R., Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. (1925), pp. 1-144, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1991.