Anthroposophie als Geisteswissenschaft

(Aktualisierter Auszug aus [7, 8])

Die Anthroposophische Medizin versteht sich als eine Weiterentwicklung der sich auf naturwissenschaftliche Methoden stützenden Medizin, basierend auf den Erkenntnismethoden und Erkenntnisergebnissen der Anthroposophie.

Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurde von Rudolf Steiner (1861-1925) begründet. Er gab von 1883 bis 1897 Goethes naturwissenschaftliche Schriften in Kürschners Deutscher Nationalliteratur heraus und arbeitete von 1890 bis 1897 an der Sophienausgabe von Goethes Werken in Weimar mit, er begründete den erkenntnistheoretischen Monismus und entwickelte ab 1901 die Anthroposophie. Er sah seine Aufgabe in der Weiterentwicklung der naturwissenschaftlichen Methoden Goethes auf dem Felde der geistigen Forschung. Die Synthese des Evolutionsgedankens (Darwin und Haeckel) und der Metamorphosenlehre Goethes führte er in die physische und geistige Entwicklung von Mensch und Kosmos ein. Er verstand die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als konsequente Fortentwicklung der abendländischen Geistesgeschichte, insbesondere der antiken Philosophie von Platon und Aristoteles und des deutschen Idealismus, wie er von Goethe, Schiller, Fichte, Hegel und Schelling vertreten wurde. In der Auseinandersetzung mit Kant vertrat Steiner mit dem erkenntnistheoretischen Monismus einen neuen Wirklichkeitsbezug, den er bereits bei Goethe als „anschauende Urteilskraft“ veranlagt sah. Die Trennung der Welt durch Erkenntnisgrenzen in eine erkennbare und eine unerforschliche wurde von ihm strikt zurückgewiesen; es komme vielmehr darauf an, wie sich ein Wirklichkeitsgebiet darstellt und wie und mit welchen Beobachtungs- und Denkmethoden es erfassbar ist. [5]

Dieser erkenntnistheoretische und methodische Wissenschaftsansatz löste sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dem in den vorangegangenen Jahrzehnten mit Nachdruck etablierten Reduktionismus und von dessen Einschränkung der Biologie auf Erklärungsmuster von Physik und Chemie. Exemplarisch war dieser dogmatische Reduktionismus in Äußerungen vieler damals herausragender Wissenschaftler zum Ausdruck gekommen. (Emil du Bois-Reymond: „Brücke und ich, wir haben uns verschworen, die Wahrheit geltend zumachen, dass im Organismus keine anderen Kräfte wirksam sind als die genauen physikalisch-chemischen.“ [4] Hermann von Helmholtz: „Die Naturerscheinungen sollen zurückgeführt werden auf die Bewegungen von Materien mit unveränderlichen Bewegungskräften, welche nur von den räumlichen Verhältnissen abhängig sind... Es bestimmt sich also endlich die Aufgabe der physikalischen Naturwissenschaft dahin, die Naturerscheinungen zurückzuführen auf unveränderliche, anziehende und abstoßende Kräfte, deren Intensität von der Entfernung abhängt. Die Lösung dieser Aufgabe ist zugleich die Bedingung der vollständigen Begreiflichkeit der Natur.“ [12] Rudolf Virchow: „Die neueste Medizin hat ihre Anschauungsweise als die mechanische, ihr Ziel als die Feststellung einer Physik der Organismen definiert. Sie hat nachgewiesen, dass Leben nur ein Ausdruck für eine Summe von Erscheinungen ist, deren jede einzelne nach den gewöhnlichen physikalischen und chemischen (d.h. mechanischen) Gesetzen vonstatten geht. Sie leugnet die Existenz einer autokratischen Lebens- und Naturheilkraft.“ [11])

Im Gegensatz hierzu führt der von Steiner realisierte Erkenntnisansatz zu der Ansicht, es würden in der Natur nicht nur atomare und molekulare Wechselwirkungen (physikalische und chemische Kräfte) wirksam sein; vielmehr würden vor allem bei der Gestalt- bzw. Konstitutionsbildung mineralischer Substanzen, Pflanzen, Tiere und Menschen eine jeweils eigene Klasse von Gestaltungskräften (Kraftsysteme, Kraftkörper) zum Tragen kommen. Diese Auffassung ist zwar ein Verstoß gegen die genannten und heute tief in der modernen Naturwissenschaft verwurzelten Überzeugungen, dass alle Gestaltungen der Natur durch Wechselwirkungen ihrer Teilchen (Zellen, Moleküle, Atome, subatomare Partikel) verursacht seien; die tatsächliche Faktenlage der modernen Entwicklungsbiologie aber widerspricht der ganzheitlichen Auffassung nicht (s. [6]).

Nach anthroposophischer Sicht erstreckt sich der erste Typus solcher gestaltbildenden Kräfte auf die Entstehung der zeitlich invariablen Raumgestalten von Kristallen, von mineralischer Materie. Ein zweiter Typus solcher Kraftsysteme kommt, zusätzlich zum ersten, bei der Entstehung von pflanzlichen Lebewesen zum Tragen, bei denen über die jeweils räumliche Gestalt (die Raumgestalt) hinaus noch eine sich zeitlich vollziehende Umwandlung dieser Gestalt (und somit eine Zeitgestalt) hinzukommt. Ein dritter Typus von gestaltbildenden Kräften betrifft sodann die Tiere mit ihrer, zusätzlich zu einer Raum- und Zeitgestalt hinzukommenden, offenkundigen Innerlichkeit, mitsamt einem Innerlichkeit-Außenwelt-Bezug und einer dementsprechenden Innerlichkeitskonstitution (nämlich autonome Abgeschlossenheit gegenüber der Umwelt mit geschlossenem Flüssigkeitskreislauf, Fähigkeit zur Lokomotion, rezeptiver und intentiver Bezug zur Umgebung mittels Sinnesorganen und Gliedmaßen, innerlich vernetzendes Nervensystem). Zur Bildung einer solchen Innerlichkeits- konstitution des tierischen Organismus ist nach anthroposophischer Auffassung ein dritter, zu den beiden anderen hinzukommender Typus von gestaltbildenden Kräften nötig. Schließlich gibt es noch einen vierten Typus von gestaltenden Kräften, nämlich für die Bildung der menschlichen Konstitution, die nicht nur über eine Innerlichkeit verfügt und rezeptive Wahrnehmungen hat und intentive Bewegungen vollziehen kann, sondern außerdem mit Hilfe des Denkens allgemeine Begriffe und Gesetze erfassen und so über das eigene Wahrnehmen und Handeln reflektieren und dadurch die menschliche Wahrheits-, Freiheits- und Sinnfähigkeit realisieren kann.

Das Berücksichtigen dieser verschiedenen Klassen von gestalt- und konstitutionsbildenden Kräften ergibt ein anderes Verständnis von Mensch und Natur als in der herkömmlichen Naturwissenschaft; es bietet auch Einsichten in gesetzmäßige Beziehungen zwischen gestaltbildenden Kräften in konkreten Mineralien, Pflanzen und Tieren einerseits und organischen (gesunden und kranken) Gestaltungs- und Konstitutionsbildungen im Menschen. Bei Erkenntnis dieser Beziehungen, die nicht sinnenfällig, sondern rein gedanklich zu erfassen sind, erweist sich die materielle Natur als geistig konstituiert. So gesehen erweist sich die Naturwissenschaft zugleich auch als Geisteswissenschaft (wodurch die herkömmliche Unterscheidung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft aufgehoben wird). Die Kenntnis derartiger gesetzmäßiger Beziehungen zwischen Natur und Mensch bildet die Grundlage anthroposophischer Arzneitherapie.

Dieser Wissenschaftsansatz der Anthroposophie hat nicht nur zu einer neuen Philosophie über den Menschen, sondern auch zu praktischen Ergebnissen geführt. Steiner gründete 1924 in Dornach (Kt. Solothurn, Schweiz) die „Freie Hochschule für Geisteswissenschaft“ mit verschiedenen fachlichen Sektionen, darunter auch eine Sektion für Medizin. Aus der Anthroposophie entstand: eine neue Pädagogik (Waldorfschulbewegung mit z.Zt. weltweit 999 Schulen und ungefähr 2000 Kindergärten, Kindertageseinrichtungen und Vorschulen; viele Elemente der Waldorfpädagogik sind in andere Schulsystemen eingeflossen, sie war beispielsweise Vorbild für das öffentliche Schulsystem in Finnland); die heilpädagogische Bewegung (mit z.Zt. weltweit 600 Einrichtungen für Heilpädagogik und Sozialtherapie); eine neue Richtung der Landwirtschaft (biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, die Demeter-Bewegung mit Stiftungsprofessur in Kassel); die Schöpfung einer Bewegungskunst, der „Eurythmie“; Impulse für verschiedene künstlerische Bereiche wie Rezitation, dramatische Kunst, Malerei, Plastik, Architektur (Goetheanumbau in Dornach als Ausgangspunkt einer sich kontinuierlich entfaltenden Architektur); die Erarbeitung von Grundprinzipien für eine Neugestaltung des sozialen Lebens (Dreigliederung) [9, 10]. Ein anthroposophisches Unternehmen, die Sekem Initiative in Ägypten [3] ist kürzlich mit dem alternativen Nobelpreis [2] und mit dem Preis der Genfer Schwab-Foundation [1, 2] ausgezeichnet worden und war drei Jahre Gast des Welt-Wirtschaftsgipfels (WEF) in Davos. Das anthroposophische Umfeld hat sich in die moderne Kultur eingegliedert; zahlreiche führende Personen des öffentlichen Lebens, der Wirtschaft, Banken, Politik, Kultur, Schauspiel und Film, Literatur, bildende Kunst, Musik, Mode, Medizin sind aus dem anthroposophischen Umfeld hervorgegangen.

Dr. med. Gunver S. Kienle
Letzte Aktualisierung
August 2010


Literaturverzeichnis

[1] The Schwab Foundation for Social Entrepreneurship 2004 http://www.schwabfound.org/sf/SocialEntrepreneurs/Profiles/index.htm?sname=142728&sorganization=0&sarea=0&ssector=0&stype=0 2004.

[2] The Right Livelihood Reward 2003 http://www.rightlivelihood.org/sekem.html 2003.

[3] Abouleish, I., Die Sekem-Vision, Verlag Johannes M. Mayer & Co., Stuttgart, Berlin 2004.

[4] du Bois-Reymond, E., Jugendbriefe an Eduard Hallmann, Reimer Verlag, Berlin 1918.

[5] Kienle, G., Anthroposophische Medizin. In Wörterbuch medizinischer Grundbegriffe. (Ed. E. Seidler) pp. 33-39, Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 1979.

[6] Kienle, G. S. and H. Kiene, "Beyond Reductionism" - zur Notwendigkeit komplexer, organismischer Ansätze in der Tumorimmunologie und Onkologie. In Die Mistel in der Onkologie. Fakten und konzeptionelle Grundlagen. pp. 333-432, Schattauer Verlag, Stuttgart, New York 2003.

[7] Kienle, G. S., Kiene, H. and Albonico, H. U. Health Technology Assessment Bericht Anthroposophische Medizin. Erstellt im Rahmen des Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK) des Schweizer Bundesamtes für Sozialversicherung. 2005.

[8] Kienle, G. S., H. Kiene and H. U. Albonico, Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung. Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit. Schattauer Verlag, Stuttgart, New York 2006.

[9] Steiner, R., Die Kernpunkte der Sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. (1919), pp. 1-166, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1976.

[10] Steiner, R., Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915-1921, pp. 1-496, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1982.

[11] Virchow, R., Über das Bedürfnis und die Richtigkeit einer Medizin vom mechanischen Standpunkt. Arch Path Anat 7, 188 (1907).

[12] von Helmholtz, H., Über die Erhaltung der Kraft, Engelmann Verlag, Leipzig 1915.