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Mistelpräparate in der Krebsbehandlung

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Wissenschaftliche Informationen zur Misteltherapie

Was leistet eine Therapie? Wie sicher sind wir uns? Woher beziehen wir unser Wissen? Wollen wir uns über eine Therapie ein eigenes Urteil bilden, so brauchen wir dafür die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen. Wissenschaftliche Informationen aber werden ständig mehr und die Ergebnisse sind weit verstreut und oft nur schwer zu beziehen.

Diese Webseiten bieten Ihnen eine aktuelle Übersicht über wissenschaftliche Untersuchungen zur klinischen Anwendung der Misteltherapie bei Krebs. Unsere Informationsplattform richtet sich an Ärzte, Wissenschaftler, Journalisten, Vertreter aus Politik, Selbstverwaltung und Krankenkassen sowie an interessierte Studenten und auch an Patienten, die sich über den gegenwärtigen Stand der klinischen Forschung und wichtige klinische Beobachtungen orientieren wollen.

Diese Informationsseiten sind nach wissenschaftlichen Kriterien aufbereitet und zusammengestellt. Sie beinhalten keinerlei Art von Werbung für irgendwelche Präparate oder Firmen.

Forschung zu Mistelextrakten bei Krebs – Einleitung

Komplementäre Krebstherapien sind weit verbreitet. In Europa wenden 40% (je nach Land 15-73%) der Krebspatienten komplementärmedizinische Therapie an, meist pflanzliche Heilmittel [16]; im deutschsprachigen Mitteleuropa sind es am häufigsten Mistelextrakte (Viscum album L., VAE) [9a, 16, 19, 24]. Auch Kinder mit Krebserkrankungen erhalten häufig eine Misteltherapie [15c]. Niedergelassene Ärzte in Deutschland schätzen die Misteltherapie überwiegend als hilfreich für die Behandlung von Krebspatienten ein [17].

Die Misteltherapie wurde 1920 von Rudolf Steiner und Ita Wegman, Begründer der Anthroposophischen Medizin, zur Behandlung der Krebserkrankung vorgeschlagen und eingeführt [22]. Seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts gibt es vielfältige Untersuchungen zum Einfluss von Mistelextrakten auf das Tumorwachstum – auf Tumoren in Tieren oder Pflanzen, auf Tumorzelllinien in vitro, auf den Krankheitsverlauf bei Krebspatienten und auf weitere wichtige biologische Prozesse. Ab ca. 1980 gewann die onkologische Mistelforschung erheblich an Dynamik, so dass man heute auf eine große Fülle wissenschaftlicher Arbeiten aus einer Vielzahl internationaler wissenschaftlicher Einrichtungen zurückgreifen kann, insbesondere zur Grundlagenforschung (Übersicht siehe [2, 12]).

Präklinische Forschung

Biologische und pharmakologische Wirkungen von Viscum album L. Extrakten (VAE) wurden umfangreich analysiert (Übersicht siehe [2, 12]). Verschiedene pharmakologisch aktive Bestandteile wurden isoliert, wie z. B. Mistellektine (ML I, II and III) [9b], Viscotoxine [25, 26], Oligo- und Polysaccharide [15a, 18], Lipide [23] und verschiedene andere [2, 12]. Die auffallendsten Eigenschaften von VAE sind ihre zytotoxischen und wachstumshemmenden Effekte, die sie auf eine Vielzahl von Tumorzelllinien, Lymphozyten und Fibroblasten in vitro ausüben [2, 12]. Die zytotoxischen Wirkungen von VAE werden vor allem durch die Apoptose-induzierenden Mistellektine hervorgerufen [7, 8, 10], während die Viscotoxine den nekrotischen Zelltod induzieren [6, 8]. VAE sind auch für ihre immunmodulierende Aktivität bekannt. In vitro und in vivo aktivieren sie Monozyten/Makrophagen, Granulozyten, natürliche Killer-Zellen (NK-Zellen), T-Zellen (vor allem T-Helferzellen) und induzieren verschiedenste Zytokine [2, 12]. VAE stablisieren auch die DNA, vermindern Chromosomenschäden und verbessern die DNA-Reparatur [3-5, 15b]. In Tieren zeigen VAE deutliche antitumorale Wirkungen [2, 12]. Mistellektin I, ein wichtiger Inhaltstoff der Mistelextrakte, wird derzeit auch rekombinant hergestellt und für den Einsatz in der klinischen Onkologie getestet [21]. (Weiteres siehe Grundlagenforschung).

Therapeutische Anwendung

In der Krebsheilkunde werden Mistelextrakte meist subkutan injiziert, häufig aber auch direkt in den Tumor, in Körperhöhlen (intrapleural, intraperitoneal, intrapericardial) oder als intravenöse Infusion; gelegentlich werden sie auch oral oder intravesikal gegeben. Im Prinzip werden alle Krebserkrankungen mit Mistelextrakten behandelt, als alleinige Therapie oder begleitend zur konventionellen Krebstherapie (Operation, Chemotherapie, Strahlentherapie, Hormontherapie), in der kurativen oder palliativen Situation, als kurze Therapie über einige Wochen oder Monate oder als längere Therapie über mehrere Jahre. Die Dosierung wird entweder individuell angepasst an die Krankheitslage, das Allgemeinbefinden, den Immunstatus und die Reaktion auf die Therapie, oft unter zusätzlicher Berücksichtigung rhythmologischer Besonderheiten, meist beginnend mit niedriger Dosierung und nachfolgender Steigerung, gelegentlich auch von Beginn an mit einer hohen Dosierung (s. Kohortenstudien); oder es werden die Mistelextrakte standardisiert verabreicht, z. B. nach ihrem Lektingehalt. (Weiteres siehe Standardisierung – Dosierung).

Klinische Studien

Die klinische Wirksamkeit der Mistel wird kontrovers diskutiert. Um diesbezügliche Fragen zu klären, wurde in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl klinischer Studien mit unterschiedlicher Methodik durchgeführt. Heute liegen zu anthroposophischen Mistelpräparaten folgende Studien vor: 30 prospektiv randomisierte klinische Studien, 18 nicht-randomisierte prospektiv vergleichende Studien, 42 retrospektiv vergleichende Studien und 40 einarmige Studien. Wenn man, wie heute oft anzutreffen, ausschließlich doppelblinde randomisiert kontrollierte Studien mit hoher Fallzahl als Evidenz akzeptiert, wird man auf viele Fragen keine ausreichenden Antworten finden, auch wenn es mittlerweile einige solcher Studien gibt (mit der Einschränkung, dass doppelte Verblindung, bei der weder Arzt noch Patient wissen, ob ein Mistelextrakt oder ein Kontrollpräparat gespritzt wird, bei subkutaner Mistelgabe kaum möglich ist, da sie leicht für Patient und Arzt entblindbar ist [1, 20]). Wer jedoch auch sorgfältig durchgeführte andere Studientypen akzeptiert – mittelgroße und kleinere RCTs, sorgfältig kontrollierte vergleichende Studien ohne randomisierte Therapiezuteilung, Kohortenstudien, Fallserien – findet ein großes Spektrum an interessanter Evidenz und wichtigen klinischen Beobachtungen. (Weiteres siehe Klinische Studien).

Präparate

Für die Misteltherapie der Krebserkrankung stehen verschiedene Präparationen zur Verfügung: die anthroposophisch hergestellten Mistelpräparate Abnobaviscum, Helixor, Iscador, Iscucin und Isorel sowie die sonstigen Mistelpräparate Cefalektin, Eurixor und Lektinol. Früher wurde auch Plenosol in der Krebstherapie eingesetzt. Die anthroposophischen Präparationen (siehe Übersichtstabelle) verwenden Mistelpflanzen verschiedener Wirtsbäume; für die Wirkung wird der Gesamtextrakt als wichtig angesehen, dessen Konstanz durch Prozessstandardisierung gewährleistet wird. Die nicht-anthroposophischen Präparationen (siehe Übersichtstabelle) verwenden Mistelpflanzen nur eines Wirtsbaumes (Pappel); hier wird die Wirkung des ML I als zentral erachtet, dessen Konstanz durch Inhaltsstoff-Standardisierung (bzw. Normierung) gewährleistet wird (siehe auch Standardisierung – Dosierung und Standardisierung – Einzelstoff vs. Gesamtextrakt).

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Grundlage der vorliegenden wissenschaftlichen Information

Die hier vorliegende wissenschaftliche Information zur Misteltherapie stützt sich auf bereits anderweitig durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen, insbesondere auf systematische Gesamterfassungen und Bewertungen der klinischen Studien, der Grundlagenforschung, der Erfassungen von Verträglichkeit und Riskoaspekten und einer Diskussion der verschiedenen zugrunde liegenden Konzepte der Krebserkrankung und ihrer Behandlung [2, 11-14]. Diese wurden für die vorliegenden Informationsseiten zusammengefasst, systematisch dargestellt und kommentiert. Da sich die jüngste diesbezügliche Arbeit – eine systematische Aufarbeitung und kritische Bewertung der wissenschaftlichen Evidenzlage zur Anthroposophischen Medizin (Health Technology Assessment Report) [13, 14] – auf die anthroposophische Medizin begrenzt, konzentriert sich die hier folgende detaillierte Übersicht klinischer Studien vorerst ebenfalls auf anthroposophische Mistelpräparate, zumal hierzu ohnehin die meisten klinischen Studien durchgeführt wurden. In den systematischen Reviews werden auch die klinischen Studien zu den übrigen Mistelpräparaten mit abgehandelt. 

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Dr. med. Gunver S. Kienle
Letzte Aktualisierung:
Mai 2010

 

Literaturverzeichnis

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