Auf einen Blick

Die Mistel unterscheidet sich in den meisten Charakteristika von anderen Pflanzen. Im Wuchs orientiert sie sich nicht nach Erdmittelpunkt und Zenit, sondern findet ihren eigenen Mittelpunkt und dadurch die für sie typische kugelige Gestalt. Ein Phänomen, das bei keiner anderen Pflanze auftritt.

Kugelige Gestalt

Die Mistel wächst nicht der Sonne entgegen, sondern bildet ihr eigenes Zentrum. Ihre Zweige wachsen in alle Himmelsrichtungen und formen so eine Kugel.

Langsamer Wuchs

Die Mistel wächst extrem langsam – die ersten Blättchen keimen erst im zweiten Jahr. Die ersten Blüten zeigen sich nach 5 bis 7 Jahren.

Verkehrte Welt

Die Mistel macht alles zur Unzeit: Sie blüht und fruchtet im Winter, wenn die normale Pflanzenwelt „schläft“. In der sonst üblichen Blüte- und Fruchtphase dagegen – im Sommer – ruht sie.

Wachstum

Nicht ohne Grund schrieb der Botaniker Karl von Tubeuf Anfang des 20. Jahrhunderts in seiner Mistel-Monographie: „Nichts an dieser Pflanze ist normal“. Denn die Mistel unterscheidet sich in allen wesentlichen Merkmalen von normalen Pflanzen:

  • Sie wächst auf Bäumen, nicht in der Erde.
  • Sie hat keine Wurzeln, sondern lediglich einen pfahlartigen „Senker“, der sie im Holz ihres Wirtsbaums verankert. Dieser Senker wächst nicht nach innen, sondern verlängert sich mit dem zunehmenden Stammumfang des Wirtsbaumes nach außen. Über den Senker versorgt der Baum mit seinen aufsteigenden Säften die Mistelpflanze mit Wasser und Mineralstoffen.
  • Die Mistel könnte mit Hilfe des grünen Blattfarbstoffs Chlorophyll selbst Photosynthese betreiben und organische Nährstoffe herstellen. Allerdings bezieht sie trotz dieser Fähigkeit einen Großteil der Nährstoffe aus ihrem Wirtsbaum.
  • Sie blüht und fruchtet im Winter. Zu Weihnachten tragen die Mistelbüsche überall die charakteristischen weißen Beeren. Lediglich zwischen Ostern und Johanni, also von April bis Juni, wächst die Mistel wie alle anderen Pflanzen. Mitte Juni jedoch hält sie inne und ruht dann bis zum Winter.
  • Ende Mai beginnt die Mistel mit sehr eigenartigen, für sie typischen Bewegungen (Nutationen): Es ist, als suche sie ihren eigenen Mittelpunkt. Jeden Tag orientieren sich Blätter und Stengel in eine andere Richtung. Anfang Juli hat sich die Pflanze dann vollständig von Erdmittelpunkt und Zenit als orientierenden Kraftzentren gelöst und ihr eigenes Zentrum gefunden. Auf diese Weise bildet die Mistel im Lauf der Jahre die für sie typische kugelige Gestalt. Dieses Phänomen des kugeligen Wachstums findet sich bei keiner anderen Pflanze.
  • Sie wächst extrem langsam: Während andere Pflanzen nach dem Keimen innerhalb kurzer Zeit viele Blätter treiben und stark in die Höhe wachsen, bildet die Mistel erst nach zwei Jahren die ersten Blättchen und danach in jeder Blattachsel immer nur einen Stengel und zwei Blätter. Die ersten Blüten zeigen sich erst nach fünf bis sieben Jahren.
  • Die Blätter der Mistel haben keine typische Ober- und Unterseite. Beide Seiten sind mit zahlreichen Spaltöffnungen versehen, über die Kohlenstoff aufgenommen und Sauerstoff und Wasser abgegeben werden (normalerweise liegen solche Spaltöffnungen nur an der Blattunterseite).
  • Das Blatt selbst ist nur von wenigen, geradlinig verlaufenden Leitbahnen durchzogen (und nicht wie sonst von einem dichten Netz), in denen Wasser und Nährstoffe fließen.
  • Die Blätter sehen immer grün aus und behalten zeitlebens ihre Fähigkeit zu wachsen. Auch im zweiten Jahr werden sie noch etwas größer und länger. Danach fallen sie vollständig grün und vital ab, ohne vorher zu welken.
  • In den Beeren befinden sich die Keime für die nächste Mistelpflanze – allerdings nicht als robuste Samen, sondern in Form sofort keimfähiger Embryonen, die in grünes Nährgewebe eingebettet sind. Sie sind zum Überleben auf Licht angewiesen, das die transparente Beerenhülle und das gallertige Fruchtfleisch gut durchdringen kann.

 

Letzte Aktualisierung: 30. November 2015
Annette Bopp 

Mistel vor BerglandschaftMalerisch: Ein prachtvoller Mistelbusch im Wipfel eines Baumes vor den Gipfeln der Alpen.MistelblüteEine männliche Mistelblüte – bereit für die Bestäubung.MistelbeerenDurchscheinend weiß: reife Mistelbeeren.Misteltriebe von obenLange Triebe, schmale Blätter: Nadelholz-Mistel.MisteltriebeDeutlich dichter gewachsen: Misteltriebe an einer Weide.Kugeliger MistelbuschSchon nach wenigen Jahren hat die Mistel ihre kugelige Gestalt angenommen.